Ein Theaterabend, der nachwirkt
Neuntklässler erleben Brechts Arturo Ui im Münchner Volkstheater
Während vielerorts am Samstagabend das Deutschlandspiel der Fußball-WM im Mittelpunkt stand, entschieden sich acht Schülerinnen der 9. Klassen gemeinsam mit ihren Begleitlehrkräften Frau Pohl und Frau Barth für einen ganz anderen Abend: einen Besuch im Münchner Volkstheater. Auf dem Spielplan stand Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ – ein Theaterklassiker, der bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.Brechts Parabel erzählt den Aufstieg des Gangsters Arturo Ui im Chicago der 1930er-Jahre. Hinter der Gangstergeschichte verbirgt sich jedoch die Geschichte von Adolf Hitlers Machtübernahme und die Frage, wie autoritäre Herrschaft entstehen kann, wenn Menschen wegsehen oder schweigen. Die aktuelle Inszenierung von Christian Stückl verzichtet auf eine historische Hitler-Karikatur und schlägt stattdessen bewusst Brücken zur Gegenwart – mit politischen Anspielungen, Wahlplakaten und Slogans, die unübersehbar an heutige Debatten erinnern. Besonders Themen wie die Brandmauer-Diskussion oder die Polarisierung der politischen Landschaft ließen erkennen, wie aktuell Brechts Warnung auch heute noch ist.
Besonders eindrucksvoll war eine Szene, in der ein heruntergekommener, stark alkoholisierter Schauspieler dem Ui Unterricht in Rhetorik erteilt. Was zunächst fast grotesk wirkt, entwickelt sich zu einem erschütternden Höhepunkt des Abends: Mit immer größerer Wucht rezitiert der Schauspieler Shakespeares berühmte Rede aus Julius Cäsar. Begleitet von mächtigen Wagner-Klängen verwandelt sich die Szene zunehmend in eine Inszenierung, die unweigerlich an die propagandistischen Reden des Nationalsozialismus erinnert. Plötzlich wird spürbar, welche emotionale Macht Sprache und Inszenierung entfalten können. Man ertappt sich dabei, wie leicht man sich von Rhetorik und Atmosphäre mitreißen lassen könnte.
Doch genau in diesem Moment blieb unsere Gruppe bewusst sitzen. Kein Applaus. Nicht aus Geringschätzung gegenüber der herausragenden schauspielerischen Leistung – im Gegenteil: Sie war brillant. Sondern weil die Szene genau das sichtbar machte, wovor Brecht warnen wollte: die Verführungskraft autoritärer Inszenierungen. Das fühlte sich im ersten Moment beinahe verstörend an. Also Respekt vor unseren Schülerinnen, die entgegen anderer Besucher diese historische Dimension sofort erkannten und reflektierten.
Der Theaterabend war keine leichte Unterhaltung. Er war unbequem, teilweise beklemmend und alles andere als „schön“. Doch muss Theater das überhaupt sein? Soll es nicht vielmehr zum Nachdenken, Diskutieren und Fühlen anregen? Genau das tat dieser Abend. Auf der Heimfahrt wurde lebhaft über das Gesehene gesprochen, über historische Verantwortung, politische Entwicklungen unserer Zeit und darüber, welche Rolle jede und jeder Einzelne in einer Demokratie trägt.
Und als wir schließlich wieder zu Hause ankamen, blieb sogar noch etwas Zeit, die letzten – siegreichen – Minuten des Deutschlandspiels mitzuerleben. Ein gelungener Abschluss eines Abends, der sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Corinna Barth


